Abitur 2020

"Abiangelo" wurde feierlich verabschiedet

Ein Abschied mit Stil, Wärme und Würde

Die Abiturfeier des Ottheinrich-Gymnasiums fand unter besonderen Umständen statt

„Wir werden noch lange an euch denken.“ Diese Worte, die in Abschiedsreden häufig rein rhetorischer Schmuck sind, treffen auf den Abiturjahrgang 2020 tatsächlich zu. Der Grund ist „das Wort mit C, das mir nicht mehr über die Lippen geht – das ich aber abends gern mal kalt trinke“, so Direktorin Dr. Svenja Kuhfuß in ihrer Begrüßungsansprache zur diesjährigen Abiturfeier des Ottheinrich-Gymnasiums. In ihrer Abschiedsrede nannte sie Gründe, warum sie den Jahrgang 2020 so schnell nicht vergessen werde. Neben besagtem „C“ und persönlichen Erinnerungen – die damals 175 Fünfis waren die ersten, die Frau Kuhfuß als neue Schulleiterin des Ottheinrich-Gymnasiums im September 2012 einschulte – wird ihr der Jahrgang auch deshalb besonders im Gedächtnis bleiben, weil er wie kaum ein anderer von verschiedensten bildungspolitischen Veränderungen und Reformen betroffen war. „Wie gut, dass Sie und Ihre Crew den Dampfer OHG durch stürmische Zeiten navigiert haben“, kommentierte Dr. Ute Flender in ihren Grußworten aus der Elternschaft, „und das nicht nur in den letzten Monaten, sondern in den vergangenen acht Jahren.“

Die Vorbereitung der Feier kann man durchaus mit der Quadratur des Kreises vergleichen, wie Dr. Renate Gail vom Freundeskreis des OHG ausführte. Sie bedankte sich ausdrücklich beim Organisationskomitee, bestehend aus Johanna Eipl, Viviane Hoffmann, Johanna Philipp, Maike Post, Margret Weimer, Anne Maurath sowie Felix Jeschek, ohne das die Feier nicht möglich gewesen wäre. Dieses arbeitete Schritt für Schritt und in ständiger Absprache mit dem Freundeskreis, der Schulleitung und Frau Kranich vom Palatin einen Plan aus. Das Ziel: Der Jahrgang, der seit dem 16. März 2020 nur noch in zeitlicher oder räumlicher Entzerrung an der Schule gewesen war, sollte noch einmal feierlich als Ganzes zusammenkommen. Der Preis dafür war hoch, denn Familie, Verwandte, Freunde und die meisten Lehrer durften wegen der Überschreitung der maximalen Personenzahl nicht zur Zeugnisausgabe kommen. Sie konnten die knapp dreistündige Feier in einem Livestream am heimischen Bildschirm mitverfolgen.

Diesen Umständen entsprechend war es eine ungewöhnliche Abiturfeier, zu der sich die 120 festlich gekleideten Abiturientinnen und Abiturienten sowie die Lehrkräfte der vierstündigen Kurse im Staufersaal des Palatin zusammengefunden hatten. Das oberste Gebot: Distanz. Bestuhlt worden war im großzügigen Abstand von zwei Metern, so dass es recht luftig und ruhig im Saal war. Trotzdem war diese Feier keine „unterkühlte“ Veranstaltung, sondern ein Abschied mit Stil, Wärme und Würde. Dazu trug nicht zuletzt das musikalische Rahmenprogramm bei, das von Pavel Chatzipavlidis (J1) am Klavier, Fabio Hübel an der Gitarre sowie von Alina Kamenz und Nora Bachteler am Klavier gestaltet wurde.

Das Kernstück der Veranstaltung, die Zeugnisausgabe, ging aufgrund der guten Organisation durch den stellvertretenden Schulleiter Christian Annuschat und die Oberstufenberatung geschmeidig über die Bühne. Die Schülerinnen und Schüler wurden in Anwesenheit der Schulleitung und ihrer Mentoren in Kleingruppen auf das Podium gebeten, wo sie ihre Abiturzeugnisse sowie diverse Preise in Empfang nehmen konnten.

Stolz könne der Jahrgang auf sich sein, denn er erzielte einen „hervorragenden“ Schnitt von 2,3, wie die Schulleiterin das Ergebnis einordnete. Die Traumnote 1,0 wurde an Fabio Hübel und Julian Baureis vergeben. 33 Schülerinnen und Schüler haben eine Eins vor dem Komma, und zahlreiche Schülerinnen und Schüler können sich über zusätzliche Anerkennungen in Form von Fachpreisen freuen. Nach den Herausforderungen der letzten Monate erwies sich das Abimotto, das bereits Ende 2019 auserkoren wurde, als besonders treffend: „Abiangelo – Das Kunstwerk ist vollendet“.

In ihrer Scheffelpreisrede nahm Amelie Schöffler weniger das Resultat als vielmehr den Individuationsprozess mit all seinen Unsicherheiten und Widersprüchen in den Blick. Anknüpfend an die drei literarischen Antihelden Faust, Harry Haller und Anselmus aus den „allseits beliebten Sternchenthemen“ im Fach Deutsch stellte sie die Frage: „Wer sind wir, und zu welchen Menschen wollen wir werden?“ Wer die Welt aktiv mitgestalten wolle, so ihr Fazit, müsse kritisch hinterfragen und nach außergewöhnlichen Lösungen jenseits des Mainstreams suchen. Ein solcher Querdenker muss „den Mut haben, aus der Reihe zu tanzen, etwas zu riskieren“, auch wenn dies manchmal unbequem sei. Und er müsse akzeptieren, dass das Lernen niemals zu Ende sei. Dabei sei der Zweifel ständiger Wegbegleiter: „Alle großen Genies der Menschheit haben immer wieder an sich gezweifelt, viele waren sich ihrer Genialität gar nicht bewusst.“ Vielleicht, so fragte sie augenzwinkernd, „sitzt der zukünftige Einstein, Picasso, Mozart oder Adenauer ja gerade unter uns?“

Oberbürgermeister Dirk Elkemann und der stellvertretende Schulleiter Christian Annuschat brachten die Abiturienten in ihren Redebeiträgen gewissermaßen „auf den Weg“. Die nötigen Qualitäten, um den ganz sicher nicht geradlinigen Lebensweg zu meistern, seien Entscheidungsfreude, Mut und Offenheit, so OB Elkemann. Herr Annuschat bescheinigte den Schülerinnen und Schülern des Jahrgangs einen „veritablen Reifeprozess“, den sie aus eigener Kraft und Ausdauer, aber auch mit Unterstützung ihrer Eltern und Lehrer bewältigt hätten. „Spätestens ab heute seid ihr es, die sich selbstverantwortlich eine Zukunft kreieren, also erschaffen werden.“