Der nach Joseph Victor von Scheffel (1826-1888) benannte Scheffel-Preis wird vom Scheffelbund für die beste Leistung in der Oberstufe im Fach Deutsch verliehen. Er trägt zur Belebung des Interesses an künstlerischer und wissenschaftlicher Literatur bei. Seit der erstmaligen Verleihung im Jahre 1928 finden sich viele bekannte Namen unter den Preisträgern. Verbunden mit dem Preis ist die Aufgabe des Preisträgers, bei der Abiturentlassfeier eine Rede zu halten.
Der diesjährige Scheffelpreisträger des Ottheinrich-Gymnasiums, Jakob Ernst, liefert in seiner Rede eine scharfsinnige Analyse zum Thema 'KI und Schule'. Er verdeutlicht, dass dringender Veränderungs- und Handlungsbedarf im Umgang mit diesem mächtigen Instrument besteht. Die "natürliche Intelligenz" des Menschen sieht er dabei als zentralen Wert, der nicht angetastet werden dürfe.
Wir danken Jakob dafür, dass wir seine Rede hier im Wortlaut veröffentlichen dürfen.
Sehr verehrte Damen und Herren, liebe Eltern, liebe Geschwister, liebe Familienangehörige, liebe Lehrkräfte, und vor allem: Liebe Abiturientinnen und Abiturienten!
Große Reden, so sagt man, beginnen mit Zitaten einflussreicher Dichter und Denker unserer oder vergangener Zeiten. Nun, um Gandalf zu zitieren: "Ich will nicht sagen: weinet nicht. Denn nicht alle Tränen sind von Übel.“ Dieser Satz scheint mir in Anbetracht der leicht unterschwelligen Melancholie der letzten Tage als äußerst passend, denn nun ist es soweit: Heute Abend ist es das letzte Mal, wo wir in dieser Konstellation als Stufe zusammenkommen. Und der Anlass ist ein wahrlich froher, denn vorbei ist der Stress der letzten Wochen und Monate. Wir können nun endlich den Blick ein wenig nach vorne richten und gleichzeitig zurückschauen auf eine Schulzeit voller Höhen und Tiefen: Unvergessen werden die Wochen der blanken Verzweiflung im Spätherbst bleiben, in der schon wieder zwei LK-Klausuren direkt hintereinander gefallen sind und sich alle nur noch kollektiv nach den erlösenden Weihnachtsferien sehnten. Dabei ist es überaus erstaunlich, dass sogar in Zeiten wie diesen stressigen Klausurenphasen die allgemeine Arbeitsmoral sich kein Stück vom Fleck bewegt und die ganze frei verfügbare Zeit und Energie aber wiederum in einem ungeahnten Ausmaß in radikales Prokrastinieren und intensives Bemühen sonstiger KI-Tools gesteckt wird, die definitiv kein Chemie können und sicher nicht bei Prompts wie „Hier Pdf. Erklär mir alles“ fertige und adäquate Lernzettel ausspucken werden. Das Lernverhalten und die Arbeitsmoral von Schülern ist sicherlich ein Phänomen an und für sich und ich hoffe einfach inständig, dass das System Schule, wie es ja leider auch so erfolgreich bei eigentlich allen anderen dringend notwendigen Angelegenheiten geschieht, auch weiterhin von Friedrich Merz‘ reformgeilen Blicken verschont bleibt – aber gut, vielleicht ließe uns der Verzicht auf diese „Lifestyle-Mentalität“ in der Schule auch endlich mal bei der nächsten PISA-Studie besser abschneiden. Gar nicht auszudenken, welches militärische Level an Disziplin bei einer Attestpflicht ab dem ersten Krankheitstag in eine Schule Einzug halten würde.
Aber Stress und Lernen waren gewiss nicht die einzigen Bestandteile der letzten Jahre, es wurden auch viele schöne Erinnerungen gemacht. Eine Vielzahl an Fahrten gab es, einige sicherlich in vielerlei Hinsicht denkwürdig und für viele das absolute Highlight der Oberstufe, es wurden viele Projekte umgesetzt und dank der Aufteilung in Kurse viele neue Freundschaften geknüpft.
Wenn ich rückblickend weiter darüber nachdenke, was unsere Schulzeit wirklich ausgemacht hat, komme ich aber um eine Sache unter keinen Umständen herum: Es ist der 30. November 2022, eine obskure Winter-WM sorgt gerade dafür, dass in 50% der Unterrichtszeit in den letzten Reihen noch weniger Aufmerksamkeit herrscht als sowieso schon, und ein gewisser Sam Altman setzt einen folgenschweren Tweet ab: „Today we launched ChatGPT. Try talking with it here“. Ab diesem Punkt konnte man quasi in Echtzeit mitansehen, wie ein technischer Quantensprung mit dem wuselnden Alltagstreiben einer Gesellschaft und nicht zuletzt dem System Schule kollidierte. Es begann, Zitat Eymen, das goldene Zeitalter der Schüler, denn uns wurde soeben das Äquivalent zum einen Ring der Macht ausgehändigt, geschmiedet in den Hallen des Silicon Valley. Aber ebenso wenig wie den Entwicklern zu der Zeit war kaum einem wirklich das dramatische Ausmaß dieser Entwicklung bewusst; man war froh, dass Hausaufgaben plötzlich nur noch drei Gehirnzellen und eine Internetverbindung forderten und ärgerte sich darüber, dass nicht mehr als drei Uploads am Tag verfügbar waren.
Doch der Verlauf der letzten Jahre haben uns eines Besseren belehrt, denn mittlerweile ist unser Kampf ein größerer als der elende Versuch, KI aus allen Prüfverfahren zu verbannen und so mit aller Macht den Status quo aufrecht zu erhalten. Nein, es geht mittlerweile an die absolute Grundsubstanz der Menschlichkeit.
Zunächst einmal muss jedoch gesagt werden, dass, angesichts dieser immensen Entwicklungsgeschwindigkeit, jede Aussage über KI morgen oder sogar heute schon überholt sein kann. Doch sicher ist, wir haben es mittlerweile mit einer technokratischen Macht zu tun, deren zugrundeliegende Technik längst nicht mehr nur noch ein erfreuliches Hilfsmittel mehr ist, sondern vielmehr ein Objekt der Ausbeutung, welches Menschen zu Zahlen und Rädchen in einem nach immer stärkerer Effizienz strebenden System herabdegradiert. Die Kontrolle über diese Mechanismen ist auch längst aus der Kontrolle der Staaten verschwunden und liegt mittlerweile in den Händen einiger weniger undefinierter Gruppen, welche jetzt in diesem Moment ihren Einfluss nutzen, demokratische Prozesse umzulenken und wirtschaftliche Dynamiken aktiv für sich zu gestalten. Angesichts dieser doch sehr düsteren Beschreibung in einer Art apathischen Pessimismus abzudriften, ist absolut verständlich, die Hebel scheinen so weit weg auch noch so undurchsichtig. Doch da ist so viel, was wir ausrichten können, denn es geht um nicht weniger, als unser Menschsein zu bewahren, sprich es ist jeder betroffen. In den Colleges der USA ist gerade ein bemerkenswerter Trend erkennbar: Bei den diesjährigen Abschlussfeiern haben gleich mehrere Hochschulen völlig weltfremde Tech-Enthusiasten auf das Podium gebeten, welche Lobeshymnen auf die bevorstehende KI-Revolution anstimmten – und haben damit ein kapitalen Fehler begangen. Denn die Absolvent*innen, die etwa der gleichen Generation angehören wie wir, die wir heute Abend unseren Abschluss feiern, sind sich voll und ganz der Tatsache bewusst, dass sie in einer der trostlosesten Arbeitsmärkte der jüngeren Vergangenheit entlassen werden. Die Folge auf Phrasen wie „Ihr seid die Zukunft, greift sie euch!“ waren schmetternde Buhrufe.
Was das zeigt, ist, dass vor allem in den jüngeren Generationen eine starke intuitive Abneigung gegenüber KI vorhanden ist, insbesondere gegen die Vorstellung von KI als Modulator eines zutiefst menschenfeindlichen, technokratischen Systems. Dasselbe gilt in einem noch stärkeren Maße für generative KI, also diejenige, die für den sogenannten AI-Slop in den sozialen Medien verantwortlich ist. Sobald Menschen an tatsächlicher Unterhaltung interessiert sind, wird die Eigenschaft 'Menschlichkeit' zum wichtigsten Attribut, vollkommen ungeachtet der vermeintlich objektiven Qualität. Denn Menschen machen Fehler und so sind mittlerweile jene Fehler zu einem neuen Qualitätsstandard in der Kunst herangewachsen.
Diese zentrale Erkenntnis, dass es nun wichtiger ist denn je, den Wert des menschlichen Handelns zu fördern, lässt nun die Schule auf den Plan treten. Denn mit den sich ändernden Umständen und Anforderungen unserer Zeit in schlicht allen Belangen sollte es gar keinen anderen Gedanken mehr geben als nur die Frage, wie sich das Schulsystem verändern muss. Die absolute Dringlichkeit dieses Umstandes ist so absurd, dass auch der Papst sich in dieser Angelegenheit mit seiner Enzyklika „Magnifica Humanitas“ zu Wort gemeldet hat. Auch er warnt vor der Technokratisierung unserer Welt und fordert eine Besinnung auf die menschlichen Werte. In dem Zuge stellt er die Schule als die Institution dar, der eine zentrale Aufgabe in dieser Bewegung zu kommt. Dahinter steckt die Erkenntnis, dass Investition in Bildung das effizienteste und effektivste Mittel gegen gesamtgesellschaftliche Herausforderungen ist. Und es ist äußerst schade, ebenso wie es bezeichnend ist, dass diese eigentlich nicht neue Erkenntnis erst durch das Aufkommen dieser Technologie überhaupt erst einen Hauch an Relevanz gewinnt und dass sich jene Erkenntnisse klipp und klar in der Enzyklika der katholischen Kirche finden lassen, einer Institution, die nicht gerade bekannt dafür ist, am Zahn der Zeit zu hängen, aber nicht im Handeln der Politik. Dinge wie stupides Auswendiglernen waren auch schon vor fünf oder zehn Jahren aus der Zeit gefallen, inzwischen sind sie jedweder Lebensrealität entwichen. Das dreigliedrige Schulsystem war auch schon vor 30 Jahren aus einer Zeit, in der Arbeiter noch 18 Stunden Schichten zu absolvieren hatten und unsere Straßenlaternen noch mit Petroleum betrieben wurden.
Die moderne Aufgabe der Schule sollte in vielfältiger Hinsicht eine grundlegend andere sein als sie heute ist, es muss alles hinterfragt werden. Der Papst sagt, es gehe darum, „die Liebe zur Wahrheit wiederzufinden“, was, wenngleich eine vage Aussage, viele interessante Implikationen enthält – es geht darum, Resilienz in kommenden Generationen aufzubauen, denn diese werden aufwachsen mit KI-generierten Spotify Playlists und einem Internet, wo es einfacher ist denn je, Falschinformationen und Diffamierungen zu verbreiten. Schule sollte sich darauf besinnen, uns „natürliche Intelligenzen“ mit Dingen wie der Fähigkeit zum rationalen, authentischen und kritischen Denken auszustatten, ohne dabei rückwärtsgewandt oder fortschrittsfeindlich zu agieren. Das Schulsystem braucht, wie eigentlich auch unsere Schule, einen kompletten Neubau. Denn so sehr man es auch versucht, man kann im Strom der Zeit einfach nicht rückwärts gehen.
Zu guter Letzt will ich mich noch an meine jetzt ehemaligen Mitschüler richten. Wir alle finden uns nun in jener Lebensrealität wieder. Es macht keinen Sinn, die Augen zu verschließen vor dem was ist, aber noch viel weniger macht es Sinn, Dinge als gegeben zu betrachten. Das „Wir“ in der Mitte meiner Rede war vollkommen wörtlich gemeint, denn wenn ich an uns denke, sehe ich so viele starke Persönlichkeiten, von denen ich überzeugt bin, dass sie mit erhobenen Kopf ihren eigenen Weg gehen, ohne sich von Außenstehenden lenken zu lassen. Lasst euch nicht dazu verleiten, dass „Wegsehen“ oder „Neutralität“ im Bezug auf grundlegende Ansprüche an ein menschliches Leben eine Option wären. Und denkt daran, wir alle und jeder Mensch sind immer mehr wert, als man es uns vermitteln will. Ich wünsche euch allen mehr als nur das Beste. Vielen Dank.