Das Motto des Abiturjahrgangs 2026 bringt den allseits bekannten und jahrelangen Missstand drastisch auf den Punkt: "instABIl – Raus aus der Bruchbude!" Nur um es klarzustellen: Mit der "Bruchbude" ist unsere Schule, das OHG, gemeint, in der täglich knapp 1000 Menschen einen Großteil ihres Alltags verbringen. Die meisten von ihnen finden diese Bezeichnung keineswegs übertrieben.
Beim Abischerz am 9. Juli machte ein gelber Sticker die Runde, der innerhalb kürzester Zeit vergriffen war. "Kaputt hier. Aber waren Sie schon mal am OHG?" Dazwischen eine stilisierte Darstellung des herabhängenden Daches, das zum ikonischen Bild des baulichen Zustands der Schule geworden ist.
Was hat es mit diesem Sticker auf sich? Die Idee dafür kam aus dem Wirtschaftsseminarkurs von Sebastian Grimmelykhuizen und Anna Walz, in dem die Schülerinnen und Schüler ein wirtschaftlich tragfähiges Projekt auf die Beine stellen sollten. Die gelungene minimalistische Gestaltung übernahm die Abiturientin Samantha Epp. Der Kurs entschied sich dann doch für ein anderes Projekt, nämlich für das Bedrucken von Socken. Die Idee für den Sticker nahmen sie jedoch mit in die Vorbereitungen für den Abischerz, wo diese dann auch ihr volles Potenzial entfaltete. Mit seiner gelungenen Mischung aus Ironie und Verzweiflung ging er, wenn man so will, viral. Jeder verstand sofort, dass der Aufkleber eine Parodie auf die "Nett hier"-Imagekampagne des Landes Baden-Württemberg war. Die erste Auflage von 1000 Stück wurde sofort verklebt – auf T-Shirts, Federmäppchen, Ordner oder Schulranzen. Sie ziert im Schulgebäude auch Türen, Wandflächen und Fensterscheiben. Inzwischen wird überlegt, ihn nachzudrucken, denn die Nachfrage ist ungebrochen. Die Schülergenossenschaft des OHG hat bereits Schul-T-Shirts mit dem Motiv auf dem Rücken anfertigen lassen. Kurzum: Der Sticker trifft genau die Art von Galgenhumor, die sich in den letzten Jahren angesichts von Innenregenrinnen, herabfallenden Deckenplatten und Innentemperaturen zwischen null und 46 Grad am OHG breitgemacht hat.
Doch nicht erst die Abiturient:innen des Jahrgangs 2026 haben ihre eigene Art von Humor in Bezug auf die marode Gebäudesubstanz entwickelt. Das hatten vor ihnen auch schon die Abiturjahrgänge 2025, 2024 und 2023.
"Genauso traurig wie auch amüsant war wohl eindeutig der bauliche Zustand unseres Gebäudes. Von einsturzgefährdeten Trakten, über ein undichtes Dach und sein Wegfliegen(!), bis hin zum Reinregnen in die Bibliothek durften wir jegliche renovierungsbedürftige Kuriositäten miterleben. Nicht zu vergessen die vielen Eimer, die uns jedes Jahr aufs Neue auf den Fluren begrüßten. Über mehrere Jahre mussten wir mit sehnsüchtigen Blicken miterleben, wie neben uns sowohl eine hochmoderne neue Schule erbaut, als auch die Realschule kernsaniert wurde. Doch freuen wir uns für zukünftige Jahrgänge, dass nun auch unser Gymnasium an der Reihe ist." Das schrieben die Abiturienten Jana Illig und Philipp Kleemann im Bericht über ihre Stufe, der in der RNZ-Abi-Beilage G'schafft am 12. Juli 2023 erschien.[1]
Das Regenbogen-Graffito, das dieser Jahrgang an der Ostfassade anbrachte, weil es ja nun sowieso bald los gehen würde mit dem Umbau, ist inzwischen verblichen.
Exakt ein Jahr später erinnerten sich die Abiturienten Julia Boschert, Anton Rieger, Lena Bantscheff und Gero Kussmann an gleicher Stelle: "Nach der Unter- und Mittelstufe spätestens verlor jeder seine friedliche Naivität beim Gedanken an die bauliche Verfassung unseres Schulgebäudes: Mit Löchern in Wänden, Decken und Fenstern sowie Schimmelflecken an Glasfronten. Das Bild des Haupteingangs – zur Hälfte vom abgerissenen Dach verdeckt – prägte sich in das kollektive Gedächtnis ein. Entsprechend groß war die Freude, als die Schulsanierung endlich beschlossene Sache war. Das Märchen von den ersten Bauarbeiten, die noch 2024 beginnen sollten, war allerdings schnell auserzählt. Die gebäudetechnische Misere reichte sogar so weit, dass wir bei der Bestimmung unseres Abimottos über semipermeabil - die Schule ist wasserdurchlässig nachdachten."[2]
Im Unterschied zu allen Abiturientinnen und Abiturienten, die Jahr für Jahr ihre immer stärker renovierungsbedürftige Bildungseinrichtung verlassen, bleiben die jüngeren Schülerinnen und Schüler sowie ihre Lehrkräfte dort zurück. Der Zeitplan, der sich seit dem am 24. September 2025 gefällten Gemeinderatsbeschluss zur umfassenden Sanierung des OHG auf der Webseite der Stadt Wiesloch befindet, ist da für viele ein Hoffnungsschimmer. Dort heißt es: "Baubeginn 1. Bauabschnitt im August 2026, mit der Vorbereitung der Außenfläche für die Fundamente der Module"[3]. Im Vorfrühling wurden bereits sämtliche Bäume und größeren Büsche auf dem Schulhof gefällt. "War das jetzt die Vorbereitung?", fragen sich nun viele, die in der Sommerhitze vergeblich nach einem schattigen Plätzchen suchten.
In der Rhein-Neckar-Zeitung vom 11./12. Juli 2026 liest man unter der Überschrift Kein Verzug bei OHG-Sanierung. OB Elkemann widerspricht Gerüchten aus der Schule: "In den Sommerferien sollen die Hausmeisterwohnung und eine Garage abgerissen werden. Im Anschluss daran sollten eigentlich die Fundamente für das neue Modulgebäude, das parallel zur Gymnasiumstraße entstehen sollte, gegossen werden." Doch diese Arbeiten mussten zeitlich nach hinten verschoben werden, "da dafür auch die Treppe zum Schulhof abgerissen werden müsste" – eine Information, die neu gewesen sein muss. Grund zur Sorge um eine weitere Verschiebung bestehe aber nicht, versichert Oberbürgermeister Elkemann; man habe damit lediglich den Bauzeitenplan angepasst. Der OB geht laut RNZ davon aus, "dass in diesem Jahr noch etwas sichtbar passieren werde, [a]llerdings nicht im Sinne eines Aufbaus, sondern eines Abbruchs." Der "aktuelle Zeit- und Kostenplan" sei nicht betroffen. Dieser sieht, wir erinnern uns, die Fertigstellung der neuen Schule Mitte 2029 vor. [3]
Auf das Abiturmotto des Jahrgangs 2027 darf man gespannt sein. (15.07.2026, Dg)
Quellen: