Ist Ihnen das Wort "Hofschranze" geläufig? Man sollte es kennen, um Georg Büchners einziges Lustspiel "Leonce und Lena" aus dem Jahr 1836 zu verstehen. Das Programmheft, das die Theater-AG des Ottheinrich-Gymnasiums an ihren beiden Aufführungsabenden in der Mensa verteilte, gibt Auskunft über diesen aus der Mode gekommenen Begriff: Er ist eine abwertende Bezeichnung "für einen Höfling am Hof eines Fürsten, deren Bedeutung negative Charakterzüge und Verhaltensweisen umfasst, die innerhalb der sehr hierarchischen Hofgesellschaft in einer durch Gunst-Konkurrenz geprägten Gruppe entstehen können." Der Katalog an typischen Verhaltensweisen schließe beispielsweise "Gefallsucht, Schmeichelei und Heuchelei" ein.
Büchner übt mit der satirischen Darstellung eines nur um sich selbst kreisenden dekadenten Gesellschaftssystems Kritik am Adel seiner Zeit. Wie jeder Klassiker enthält auch dieses fast 200 Jahre alte Werk einen unverwüstlichen Kern, der es auf heutige Zustände übertragbar, ja hochaktuell macht. So gefangen ist der Monarch König Peter in seiner "bubble of ignorance", so abhängig von der fortwährenden Bestätigung der ihn umgebenden buckelnden Speichellecker und Emporkömmlinge, so entkoppelt von jeglicher kritischer (Selbst-)Reflexion, dass er im wahren Leben völlig existenzunfähig wäre. In der Inszenierung des Theaterpädagogen Matthias Paul haben die Hofschranzen Besitz vom Körper des Königs ergriffen, um ihn wie eine Marionette nach ihren Spielregeln in Bewegung zu versetzen, ihren eigenen Vorteil dabei immer im Blick behaltend.
Ein klassisches Lustspiel verlangt natürlich auch nach einer Liebesgeschichte, die hier im Stile einer Shakespeareschen Verwechslungskomödie erzählt wird. Prinz Leonce und Prinzessin Lena, beide völlig durchtränkt von der an Hofe herrschenden melancholischen Langeweile und Morbidität, finden sich als Liebespaar zusammen, auch wenn (oder gerade weil) sie sich aus dem Wege zu gehen versuchen. Am Ende wird geheiratet, zunächst "in effigie" als Automatenpärchen, dann richtig. Ob die Heirat des mechanischen Liebespaares so viel seelenloser ist als eine echte Hochzeit, das liegt im Auge des Betrachters. Der Kniff der Regie, die sonst übliche Verschränkung von Rolle und Schauspieler im gesamten Stück aufzulösen, unterstreicht die Schablonenhaftigkeit und Beliebigkeit der Figuren.
Die siebzigminütige Inszenierung setzt ganz auf die überzeugende Leistung des hervorragenden Ensembles und benötigt nur wenige Requisiten, um den bitteren Ernst hinter der leichten und sprachwitzigen Satire aufscheinen zu lassen. Nur vordergründig gerät die Hochzeit zum süßlichen "Happy End", die degenerierte, selbstbezogene und von der Realität entkoppelte Hofschranzen-Gesellschaft zur Lachnummer. Eigentlich möchte man als Zuschauer nichts lieber als Zeuge ihres Untergangs werden: Es sich gemütlich machen und dieser aufgeblasenen Bubble ganz genüsslich beim Platzen zuschauen. (Dg)
Wir danken dem Fotografen Helmut Pfeifer, der uns großzügig seine Fotos von der Aufführung zur Verfügung gestellt hat.
Leitung und Regie: Matthias Paul
Schauspieler*innen:
Technik: Jona Engelsberger, Finn Kuhfuß, Lias Hengesbach, Nicolas Pfeifer und die Technik-AG unter Leitung von Simone Hebel und Ulrich Zuber